?Tanz-Theater? für Hort- und Stadtteilkinder in Gröpelingen. Ziel: Förderung sozialer und kommunikativer Kompetenzen bei Kindern. Das Projekt ist außerdem verbunden mit einer intensiven Elternarbeit.
Der Abschussbericht ist hier auch zu lesen.
Unter diesem Link : http://www.mediafire.com/?f2ctn2yxv0x ist der Mitschitt von Roya Tasmim's Tanz/Theater als .wmv zum download verfügbar.
Abschlussbericht:
Tanztheater-Projekt im Hort der Kita Pastorenweg Gröpelingen, KiTa Bremen, von August 2007 bis Dezember 2007
- Kurzbeschreibung des Projekts
- Pädagogische Ziele
- Ablauf
3.1. 1. Phase
3.2. 2. Phase - Abschließende Bewertung und Perspektive
1. Kurzbeschreibung des Projekts
Das Tanztheaterprojekt wurde von der Kita-Pastorenweg in Gröpelingen beantragt und im Zeitraum von August 07 bis Dezember 07 mit einer halboffenen, gemischtgeschlechtlichen Gruppe von 10-12 Kindern im Alter von 7-12 auf dem Gelände und in den Räumlichkeiten des Horts des KTH Pastorenweg unter der Leitung von zwei externen Tanzpädagoginnen durchgeführt.
Der Kerninhalt und gleichsam ein Hauptziel des Tanztheater-Projekts war die gemeinsame Erarbeitung eines szenischen Tanztheaterstücks. Inhaltlich wurden in den Szenen alltägliche Begebenheiten aus dem Hortalltag und der Schule dargestellt, wobei ein thematischer Schwerpunkt auf der szenischen Darstellung von konflikthaften Situationen (Streitereien, Beschimpfungen, Bedrohungen, Schlagen, Ausgeschlossensein, Schuldgefühle, Wiedergutmachung) und ihren emotionalen Folgen für die Beteiligten lag. Hinzukamen Elemente von Tanz – und Musik, in denen die Kinder zum Teil selber entwickelte Raptexte und Tanzeinlagen beisteuerten.
Neben dieser kreativen tanztheaterpädagogischen Dimension bildete die Fokussierung und pädagogische Nutzung der ablaufenden Gruppenprozesse innerhalb der Projektgruppe einen zweiten wichtigen Bezugsrahmen für das Projekt.
Die Zielgruppe waren Kinder aus dem Hort und dem Stadtteil Gröpelingen, die aufgrund von großen psychosozialen Belastungen in ihren Herkunftsfamilien und generell schwierigen, nicht zuletzt auch stadtteil- und milieubedingten Sozialisationsbedingungen einen besonderen Förderbedarf in verschiedenen Entwicklungsbereichen aufwiesen (z.B. Wahrnehmung, Kommunikation, Affektregulation, gewaltfreie Konfliktregelung, Selbstwertgefühl etc.)
Auch aufgrund der Zielgruppe stark belasteter und zum Teil immens verhaltensauffälliger Kinder wurde das Projekt von Beginn in fachlicher Hinsicht von einem Psychologen begleitet. Dieser war sowohl an der Entwicklung der Konzeption beteiligt und hat die Leitung über die gesamte Laufzeit des Projektes durch regelmäßige Supervision fachlich begleitet. Des weiteren gehörte die Koordination der Elternarbeit und die Durchführung von Beratungsgesprächen mit Eltern der beteiligten Kinder zu seinem Aufgabenbereich.
2. Pädagogische Zielsetzung
Die Schwerpunkte der pädagogischen Zielsetzung des Projekts umfassten Gewaltprävention, Förderung sozialer und kommunikativer Kompetenzen, Wahrnehmung und Förderung von Ressourcen sowie Steigerung von Gruppenfähigkeit und Selbstwertgefühl.
Konzeptionell sollten diese Ziele durch sich gegenseitig beeinflussende pädagogische Wirkungen der Tanztheatergruppe erreicht werden, wobei zwischen drei verschiedenen Wirkungsdimensionen unterschieden wurde:
Positive Gruppenerfahrung:
Die zweiwöchige Intensivphase zu Beginn des Projekts sollte den Kindern im Rahmen einer stabilen Gruppenkonstellation die nötige Sicherheit und das Vertrauen in die Gruppe vermitteln, um schrittweise eine Gruppenbindung aufzubauen und sich auf diese Weise gegenüber der Gruppe öffnen zu können. Bestehende und auftauchende Konflikte sollten in der nötigen Ruhe gruppenintern in ritualisierten Gruppengesprächen angesprochen, bearbeitet und wenn möglich einen angemessenen Umgang damit gefunden werden. Die Erfahrung der Zugehörigkeit zu einer Sicherheit und Halt gebenden Gruppe sollte das Selbstvertrauen stabilisieren und soziale Ängste vermindern. Da die Gruppe den Teilnehmern gleichsam als positives Modell dienen sollte, sollte sie auch bei schwierigen Kindern eine Steigerung der Gruppenfähigkeit herbeiführen, die sich auf andere Gruppenzusammenhänge übertragen würde.
Inhaltliche Auseinandersetzung mit den szenisch dargestellten Konflikten und den verschiedenen Rollen
Alltägliche Konflikte innerhalb der Gruppe und in Hort, Schule, Familie, Stadtteil etc. sollten das Material für die Szenen des Tanztheaterstücks liefern. Mittels der kreativen Bearbeitung des Alltags in der szenischen Darstellung sollten die Kindern in die Lage versetzt werden, ihr soziales Umfeld und das eigene Verhalten mit Abstand und aus anderer Perspektive anders zu erleben. Die Kommunikation über die Szenen und die darin thematisierten Probleme, Ängste, Wünsche, unangenehmen Gefühle etc. sollten die Kinder darin unterstützen, ihre eigenen Bedürfnisse und Gefühle wahrzunehmen und eine Sprache dafür zu entwickeln. Gerade durch den im Theater möglichen Rollentausch sollten die Kinder eine Möglichkeit erhalten, damit in Kontakt zu kommen bzw. nachzuempfinden, was im Anderen vorgehen könnte. Die hierdurch herbeigeführte verbesserte Wahrnehmung und Kommunikation der eigenen Bedürfnisse und Gefühle sowie die Wahrnehmung der Folgen der eigenen Handlungen für andere, sollte die Fähigkeit zum gewaltfreien Umgang mit Aggressionen und Konflikten stärken.
Erleben und Darstellen eigener Fähigkeiten und Qualitäten
Im Projekt sollten die Kinder darin unterstützt werden ihre Scham und ihre Ängste zu überwinden, um auf kreative Art zeigen zu können, was sie alles können. Gerade die Kinde mit einer deutlichen Selbstwertproblematik sollten erheblich davon profitieren, dass sie mit ihren unterschiedlichen Beiträgen alle – ausgehend von der Akzeptanz und Wertschätzung durch die Gruppenleitung - von der Gruppe angenommen und gewertschätzt werden. Z.B. durch Spiegelung ihrer kreativen Leistungen und ihrer Bedeutung für die Gruppe sollten die Kinder darin unterstützt werden bisher unbekannte oder aber nicht gewürdigte Qualitäten und Fähigkeiten an sich zu entdecken. Auf diese Weise sollte die Gruppe Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen ebenso fördern wie die Fähigkeit zum kreativen Ausdruck von Gefühlen. Nicht zuletzt die Aussicht auf eine öffentliche Präsentation des Tanztheaterstücks sollte diese Wirkungen abrunden.
3. Der Ablauf des Projekts
Der zeitliche Rahmen des Projekts setzte sich aus zwei unterschiedlichen Phasen zusammen, die jeweils mit einer Aufführung endeten. Den Beginn des Projekts markierte eine zweiwöchige Intensivphase in den Sommerferien (14.8.-28.8.07) im Rahmen eines Sommerferienprojekts. Hier war die Gruppe täglich von Montags bis Freitags von 10.00-15.00 Uhr zusammen war. Mit Ausnahme der Unterbrechungen durch Pausen, gemeinsames Mittagsessen und Gruppengespräche wurde mehr oder minder durchgängig für das Stück geprobt. Zum Abschluss wurde das erarbeitete Stück im Hort vor einem Publikum aus Eltern, Geschwistern, Bekannten und Freunden unter großem Beifall aufgeführt.
Nach Ende der Sommerferien fanden die Treffen der Tanztheatergruppe von Oktober bis Dezember 07 regelmäßig 1x wöchentlich Mittwochs von 16.00 – 18.30 Uhr statt. Hinzukamen mehrere ganztägige Workshops an einem Samstag, in denen neben Proben fürs Tanztheaterstück auch Gruppenaktivitäten wie Grillen, gemeinsames Einkaufen und Kochen oder der Besuch einer Veranstaltung in der Stadtteilbibliothek Gröpelingen durchgeführt wir wurden.
Auch diese Phase wurde durch einen Auftritt der Tanztheatergruppe im Hort kurz vor Weihnachten abgerundet.
Aufgrund dieser zeitlichen Doppelstruktur im Prozess der Projekts und den mit dem Ende der Sommerferien verbundenen Verwerfungen in der Zusammensetzung der Gruppe (mehrere Kinder schieden durch Umzug oder aus anderen Gründen aus und neue kamen hinzu) erscheint im Folgenden eine nach den beiden Phasen getrennte Darstellung der inhaltlichen Abläufe und der Gruppendynamik angemessen.
3.1. 1 Phase
Ablauf und Gruppendynamik der Tanztheatergruppe während der Sommerferien:
Durch das täglich 5 Stunden umfassende Beisammensein bei gleich bleibender Gruppenbesetzung waren sowohl die Gruppenprozesse als auch die Arbeitsprozesse am Tanztheaterstück besonders intensiv und anstrengend.
Da die Aufmerksamkeitsspanne bei der Mehrzahl der Kinder sehr kurz und entsprechend die Unruhe und das Störverhalten in der Gruppe sehr ausgeprägt war, hatten wir zu Beginn große Schwierigkeiten die Gruppendisziplin insoweit herzustellen und aufrechtzuerhalten, dass eine inhaltliche Arbeit am Tanztheaterstück möglich wurde. Hinzukam, dass in der Gruppe heftige Konflikte zwischen den Teilnehmern und offen und versteckt verübte Übergriffe an der Tagesordnung waren. Da wir das Projekt neben den kreativ-künstlerischen Anteilen auch vorwiegend unter dem Aspekt der Gewaltprävention verstanden, nahmen regelmäßige Gruppengespräche über die Gewaltvorfälle und die Klärung der Hintergründe und Verantwortlichkeiten sowie das Einfordern der Einhaltung der Gruppenregeln einen breiten Raum ein.
Die Gruppe reagierte auf unser Bestehen auf ein ritualisiertes Time-out bei gewalttätigem Verhalten in der Gruppe und dem anschließenden klärenden Gruppengespräch zwiegespalten.
Während das Störverhalten während des Gruppengespräches auffallend zunahm und die überwiegende Mehrzahl der Kinder sich so verhielt als würden sie diese Gespräche ablehnen und durch „Sabotage“ zu verhindern versuchen, gab es im Verlauf immer häufiger auch gegenteilige Signale. So schienen einzelne Kinder die Gruppengespräche phasenweise sehr engagiert zu verfolgen und nahmen aktiv teil. Auch wurden Gruppengespräche häufiger von den Kindern selbst eingefordert und es gab Themen, bei denen es plötzlich mucksmäuschen still war und alle vom Verlauf des Gesprächs oder einzelnen Beiträgen gebannt schienen.
Schon nach wenigen Tagen ließen sich bezüglich des Umgangs mit Gewalt Veränderungen in der Gruppe feststellen. Dies betraf zwar leider nicht so sehr die Häufigkeit der Gewaltvorfälle, denn die blieb relativ konstant, wohl aber der Umgang mit der Verantwortung für die Gewalt.
Während zu Beginn alle „Schläger“ und Grenzverletzer ihre Taten schlichtweg leugneten und auch die Gruppe teilnahmslos blieb, trauten sich nach und nach mehr Kinder eigenes gewalttätiges Verhalten einzuräumen und sich der Auseinandersetzung in der Gruppe zu stellen. Insbesondere veränderte sich auch das Verhalten der Zeugen von Vorfällen. Diese waren mehr und mehr engagiert dabei, den Vorfall zu klären und sich aktiv an der Suche nach der Verantwortung zu beteiligen.
Neben der gruppeninternen Auseinandersetzung mit Gewalt „nutzten“ wir die Vorfälle in der Gruppe auch als Material für unsere Theaterszenen und inszenierten mitunter einige Aspekte der Geschehnisse in der Gruppe nach der Klärung auf der Bühne, wobei die Kinder die Rollen von „Opfern“, „Tätern“ und unbeteiligten Zeugen bzw. Publikum im Wechsel übernahmen. Dass alle Kinder im Laufe der Zeit ihre Hemmungen überwunden und sich am Ende alle ausnahmslos trauten, sich vor den anderen zuschauenden Kindern in Szenen auf der Bühne zu präsentieren, war dabei ein wichtiger Schritt für die Entwicklung der Gruppe.
Durch das hierdurch dokumentierte Vertrauen in die Gruppe und die empfundene Akzeptanz und die Zugehörigkeit zur Gruppe, konnten die Kinder schrittweise auch schmerzhafte und beschämende Erfahrungen in der Gruppe kommunizieren.
Zur Veranschaulichung sei an dieser Stelle beispielhaft ein Entwicklungsprozess detaillierter geschildert. Vermittelt durch die szenische Darstellung von Alltagssituationen, in denen rassistische Beschimpfungen eine Rolle spielten sowie getragen durch die entstandene Gruppenbindung haben eine Reihe von Kindern mit Migrationshintergrund in der Gruppe in sehr bewegender Form mehrere Vorfälle erzählt, in denen sie z. T. schon Jahre zurückliegend von Erwachsenen rassistisch beschimpft worden sind. Durch die Reaktion der Gruppe auf ihre Berichte (Betroffenheit, Hilflosigkeit, Empörung, Wut) konnten die Kinder eine Resonanz auf ihre eigenen, an die Erlebnisse gebundenen Gefühle und Affekte (Angst, Beschämung, Verwirrung, Wut etc.) finden, diese teilweise bewusst wahrnehmen und kommunizieren, Unterstützung durch die Gruppe erfahren und sich entlasten. Mit Hilfe der nachfolgenden Prozesse und pädagogischen Interventionen (Gruppendiskussion, Verfassen von Raptexten, Ausdruck von Emotionen im Tanz) wurde eine weitere Bearbeitung ermöglicht, in der auch die Frage nach der Verantwortung für rassistische Übergriffe und Strategien des sich Wehrens gegen Rassismus thematisiert wurden.
Neben den bisher beschriebenen Prozessen und Methoden spielten insbesondere Körperarbeit und Tanz und Bewegung eine wichtige Rolle in der Gruppe.
Körperarbeit (z.B. gegenseitiges Massieren, bewegungstherapeutische Interventionen, Erspüren von Empfindungen und angenehmen Bewegungen) wurde von uns mit großen Erfolgen eingesetzt, um die Kinder aus einem Zustand der Übererregung und Angespanntheit „herunterzuholen“ und zu erden. Hierbei konnten wir erleben, wie die Kinder über den Umweg über ihren Körper nicht nur entspannen können, sondern auch einen neuen Zugang zu „weichen“ Gefühlen und Phantasien finden. Im Verlauf oder im Anschluss an körperbezogene Interventionen herrschte oft eine völlig ruhige Atmosphäre in der Gruppe, in der es zum Beispiel möglich wurde, dass die Kinder sich gegenseitig für sie bedeutsame Begebenheiten aus ihrem Leben erzählen konnte, ohne dass der ansonsten übliche Geräusch und Störpegel auftrat.
Tanzen zu lauter Musik (jeder für sich oder im Kreis, wobei abwechselnd in der Mitte ein Solo getanzt wurde während die anderen sich dazu bewegten und klatschten) war die Aktivität, die allen Kindern ausnahmslos die meiste Freude machte und spürbar positive und ansteckende Lebensenergie im Raum und in der Gruppe verbreitet wurde.
Bemerkenswert war nicht nur die Freude, sondern auch die Kreativität und die Verbundenheit, die durch das gemeinsame Tanzen freigesetzt wurde.
In unserem Tanztheaterstück, das wir am Ende der Sommerferien erfolgreich vor Publikum aufgeführt haben, wurden nicht nur die hier angedeuteten szenischen, tänzerischen und musikalischen Elemente zu einem Ganzen verknüpft, sondern auch die Gruppe wurde durch die Vorbereitung auf den Auftritt und die gemeinsam ausgehaltenen Zweifel an der Qualität des Stückes und das Lampenfieber nochmals zusammengeschweisst. Am Ende waren nicht nur die Zuschauer, sondern auch alle Kinder aus dem Projekt sehr zufrieden mit dem, was sie geleistet haben.
Wie schon erwähnt, gab es bei der Fortsetzung des Projekts nach den Sommerferien eine neue Gruppenkonstellation. Während zunächst etwa die Hälfte der alten Gruppe weitergemacht hat, und 6 neue Kinder hinzugekommen sind, gab es nach dem Neubeginn noch drei weitere Aussteiger. Diese Veränderung hat den weiteren Verlauf des Projekts, wie wir im Folgenden sehen werden, erheblich bestimmt.
3.2. Phase: Mittwochsgruppe
Der Neubeginn der Gruppe und die Entwicklung einer tragfähigen Gruppenbindung wurde nicht nur dadurch erschwert, dass ein Teil der Gruppe bereits intensive Gruppenerfahrung miteinander in der ersten Phase gemacht hatten und es insofern ungleichgewichtige Vertrauensverhältnisse mit großen Auswirkungen auf die Gruppendynamik gab. Besondere Schwierigkeiten machte für diesen Teil der Gruppe die nicht ausreichend vollzogene Verarbeitung des Verlusts eines Teils ihrer Gruppe. Erschwerend hinzukam, dass sich nach einem Monat die drei ältesten Jungen aus der ersten Gruppe ebenfalls verabschiedeten.
Zwei von ihnen hatten zum gleichen Zeitpunkt Fussballtraining. Der dritte schloss sich aus unserer Sicht aus, weil es ihm ohne die beiden anderen nicht attraktiv genug erschien in der Gruppe zu bleiben bzw. die beiden anderen für ihn eine Rechfertigung boten, auch „uncoole“, nicht altersgemässe Sachen (z.B. mit Tüchern zu bewegen) zu machen, die er sich ohne deren Gegenwart nicht mehr traute.
Diese Brüche führten aus unserer Sicht zu einer Verunsicherung. Wir versäumten es, dieses Thema in der Gruppe anzuschneiden und zu klären und zu bekräftigen, dass ein Ausstieg nur in begründeten Fällen möglich ist.
Dies führte zum einen dazu, dass die Kinder, wenn es langweilig, anstrengend oder unangenehm wurde, quasi damit drohten, auch aus zu steigen.
Zum anderen wurde dadurch indirekt vermittelt, dass die Teilnehmer in gewissem Sinne austauschbar seien bzw. die Gruppe wahlweise entweder nicht bedeutend genug oder zu unsicher war.
Darüber hinaus zeigte sich, dass die Kinder am Mittwoch um 16.00 Uhr nach Schule und Hort einfach erschöpft und hungrig waren. Die Aufmerksamkeitsspanne war extrem nieder. Wir versuchten auf die Situation einzugehen, indem wir einen kleinen Obstimbiss anboten und für eine ausgiebige Pause sorgten. Dennoch bleibt festzustellen, dass der zeitliche Rahmen nachmittags um 16.00 Uhr schlichtweg ungeeignet ist.
Neben diesen beiden Einflüssen wirkte sich außerdem aus, dass die Kinder zum Teil Erfahrungen mit einem der Leiter aus anderen Hortangeboten hatten, andere kannten beide vom Sommerprojekt, für wieder andere war der Hort und die Menschen dort unbekannt.
Es gab daher sehr unterschiedliche Vorstellung und Erwartungen über unsere Arbeitsweise und Arbeitsinhalte.
Wir gingen in Gruppengesprächen darauf ein und konnten in einem Prozess, der sich über ca. 3 Termine zog, die Unsicherheiten zumindest soweit auflösen, dass sie nicht mehr die Existenz der Gruppe in Frage stellten. Im weiteren Verlauf verlor dieses Thema schließlich mehr und mehr an Bedeutung.
Trotz dieser Einflüsse gab es zunehmend deutliche Anzeichen, dass die Kinder mehr Vertrauen zueinander entwickelten und von der Gruppe profitieren konnten.
Besonders hervorzuheben ist hierbei, dass ein Mädchen, dass von vielen anderen Kindern ausgegrenzt wurde, in den letzten Wochen immer häufiger miteinbezogen wurde:
während des Kurses und bei Übungen wurden Kommentare wie „mit der mache ich das nicht“ immer seltener. In den Pausen war zu beobachten, dass sie nunmehr einfach am Spiel anderer teilnahm, und dass diese sie mitspielen ließen.
Grundsätzlich ließ sich auch bei anderen Kindern beobachten, dass sie vermehrt auch zu denen Kontakt aufnahmen, zu welchen sie zuvor keinen Kontakt hatten. Es gibt zwar nach wie vor Cliquen, einfach weil die Kinder schon lange befreundet sind. Doch erscheinen diese sehr viel offener als zu Beginn des Projektes.
Folgendes Beispiel ist ein weiteres Indiz dafür, dass sich die Beziehungen zwischen Kindern veränderten und vertrauensvoller wurden:
Zwei Schwestern waren zum ersten Mal im Hort und zeigten sich anfangs sehr zurückhaltend, sowohl in verbalen Äußerungen , als auch in ihrem Körper- und Gesichtsausdruck.
Dies hat sich inzwischen deutlich gelöst. Bei dem einen Mädchen zeigt sich dieses darin, dass sie z.B. offen mitlacht. Bei ihrer Schwester darin, dass sie beginnt, sich von den Erwartungen anderer zu lösen und mehr ihre eigen Vorstellungen äußert.
Klare Regeln für den Umgang miteinander- vor allem auf Gewalt zu verzichten- und die konsequente Thematisierung bei Regelverletzungen, waren für diesen Prozess maßgeblich.
Die Kinder waren bereit, sich den Fragen zu stellen, z.B. warum sie jemanden geschlagen haben und forderten selbst eine Konfrontation ein, wenn sie selbst Opfer wurden.
Allerdings blieben die Gespräche auf einer eher sachlichen Ebene, Betroffenheit vor allem der Täter, war kaum spürbar.
Das Projekt bot den Kindern die Möglichkeit, sich auszuprobieren, passende Medien zu finden ( Kunststücke, singen, Theater spielen, Musik machen) und sich zu zeigen. Es gab, glaube ich, für alle Momente, in denen sie stolz auf sich waren.
Der besondere Wert des Projektes lag aus meiner Sicht darin, dass das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten durch das künstlerische Angebot ebenso gestärkt wurde wie das Vertrauen in Andere/in die Gruppe durch das konsequente Thematisieren von Regelverletzungen.
4. Abschließende Bewertung und Ausblick
Der bisherige Verlauf unseres Tanztheaterprojekts bestätigt, dass unser pädagogisches Konzept aufgegangen ist. Trotz des relativ kurzen Projektverlaufs von bisher knapp 6 Monaten konnte ein Großteil der teilnehmenden Kinder sowie die Gruppe insgesamt von den Wirkungen des Gruppenprozesses und unserer tanz –und theaterpädagogischen Methoden (z.B. Vermittlung positiver Gruppenerfahrung, klare Regeln und konsequenter Umgang mit Grenz – und Regelverletzungen, kreative Bearbeitung von konflikthaftem Material, Erleben und Darstellung eigener kreativer Fähigkeiten und persönlicher Qualitäten) erheblich profitieren.
Sowohl in den Bereichen der individuellen Entwicklung einzelner Kinder sowie im gruppeninternen Umgang mit Rassismus, Gewalt und Mobbing haben sich bemerkenswerte positive Veränderungen ereignet.
Insgesamt kann festgehalten werden, dass unser Projekt im bisherigen Verlauf eindeutig eine Wirksamkeit in Richtung der gesetzten Zielsetzung u. a. der Gewaltprävention, der Förderung der sozialen und kommunikativen Kompetenzen sowie der Steigerung von Gruppenfähigkeit und Selbstwertgefühl entfaltet hat.
Im Hinblick auf die Optimierung der pädagogischen Wirkungen bzw. auf ihre notwendige Nachhaltigkeit zeigte sich allerdings, dass die Laufzeit des Projektes - und dies insbesondere unter den Bedingungen einer unsicheren bzw. wechselnden Gruppenkonstellation - , viel zu kurz war, um dieses zu gewährleisten.
Dies ist besonders bedauerlich, weil das Projekt inhaltlich aus unserer Sicht ein großes Potential in Bezug auf einen nachhaltigen positiven Einfluss nicht nur auf die Kinder hat.
Durch die integrierte Elternarbeit, die Kooperation mit Schule und KTH sowie der angebahnten Vernetzung entsteht auch ein positiver Impuls für eine Verbesserung ihrer unmittelbaren Lebensumgebung.
Eine Weiterführung wäre daher wichtig und begründet.