Projektvorstellung ?respect ? come together? Stadtteilorieniert.Stadtteilübergreifend.
>> respect<< come together war ein Angebot für Schülerinnen und Schüler mit und ohne Migrationshintergrund aus drei 9. Klassen in Bremen. Das Projekt umfasste pro Schulklasse einen vorbereitenden Besuch in der Schulklasse, 3 Projekttage an aufeinander folgenden Vormittagen in Jugendfreizeitheimen, sowie einen Abschlusstag ?come together? mit allen beteiligten Schulklassen des Projektes im Lidice Haus.
Die Seminare wurden jeweils von zwei Pädagogen und zwei Pädagoginnen durchgeführt, davon mindestens eineR mit Migrationshintergrund. Die Jungen und Mädchen einer Klasse arbeiteten parallel und zunächst in geschlechtshomogenen Gruppen. Hierbei wurden die unterschiedlichen sozialisationsbedingten Perspektiven von Jungen und Mädchen berücksichtigt. Die Anwesenheit einer Lehrerin oder Lehrers war verbindlich. Die LeherInnen nahmen aber nicht am Seminar teil, sondern beaufsichtigten die Pausenzeiten. In einem Gespräch nach dem Seminar gab es die Möglichkeit des Austauschs zwischen den Teamerinnen/Teamern und Lehrerinnen/Lehrern.
Das Projekt umfaßte ebenfalls eine teaminterne Fortbildung zum Themenkomplex Medien, Fotoarbeit und Theaterpädagogik mit Jugendlichen. Hier wurde experimentell ein Fotolabor aufgestellt, wo durch das Team die Methoden und die Herangehensweisen an medienpädagogisches Handeln erlernt wurden. Die Referentin Miriam Tscholl führte neben den praktischen Übungen zur Inszenierung, in theoretische Hintergründe zur Theaterarbeit mit Jugendlichen ein. Diese gelungene Fortbildung vertiefte und verbesserte die Konzeption für die Arbeit mit den Schulklassen.
Ziele des Projekts für die Jugendlichen:
Selbstbewusstsein stärken
Konfliktlösungsstrategien entwickeln
Empathiefähigkeit fördern
Erkennen und Reflektieren von Diskriminierungsformen/Rassismen
die Erweiterung von Handlungsmöglichkeiten der Jugendlichen
Auseinandersetzung und Austausch zum Thema „(M)eine Kultur“
Begegnung zwischen Jugendlichen verschiedener Bremer Stadtteilen ermöglichen. Vorurteile sollen
abgebaut werden, der Austausch zu Kulturen, Religionen und Stadtteilerfahrungen sollen ermöglicht
werden
die Entwicklung von gegenseitigem „respect“ zu fördern
Transkulturelle geschlechtsbezogene Pädagogik
Der Begriff der Dominanzkultur beschreibt die Verwobenheit verschiedener Identitätsformen ineinander. Jede Person besitzt verschiedene Identitäten. Keine/r ist nur Junge, nur Mädchen oder nur Weiße/ Schwarze oder nur arm/reich. Und selbst innerhalb der Identitäten gibt es zahlreiche Zwischenräume. Der respect Ansatz im Rahmen des Projekts come together macht diese Idee sichtbar. Die Jugendlichen wurden ermutigt, ihre verschiedenen Identitäten in der Fotoarbeit zu zeigen und sich dabei selbst zu inszenieren. Die Identitätskonzepte sind ein offenes System, in dem unterschiedliche Kategorien gleichzeitig wirksam sind, sich beeinflussen, verschieben und sich ständig verändern. Die Machtverhältnisse konstruieren sich in jeder Situation neu.
Diese Konstruktion haben wir als Momentaufnahme exemplarisch im Fotoshooting auf der affektiven und körperlichen Ebene aufgenommen.
Transkulturelle Pädagogik heißt für das respect-Team, die Kultur als einen weiten Begriff zu fassen, der vielerlei Kulturen für uns fassbar macht: nationale Kulturen, Musikszenen, verschiedene Feste, Religionen oder Tänze. All dies sind Elemente von Kulturen, mit denen wir als Teamerinnen und Teamer und vor allem die Jugendlichen auftauchen. Transkulturelle Pädagogik ist im Rahmen von respect eine Kritik an monokulturellen pädagogischen Settings, die im neoliberalen Einwanderungsland Deutschland oft an den Fragen und Bedürfnissen der Teilnehmerinnen und Teilnehmern vorbei gehen.
Geschlechtsbezogen heißt für respect, die Kategorie Gender direkt durch die geschlechtshomogene Gruppenaufteilung strukturell zu verankern. Hierbei geht es um das Festschreiben der Geschlechter, um direkt eine Differenzierung der Geschlecher innerhalb der Kategorie Junge bzw. Mädchen vornehmen zu können. Geschlechtsbezogene Pädagogik will patriarchalische Strukturen offenlegen und Mädchen und Jungen bestärken, ihr Ressourcenrepertoire zu erweitern, um mehr Möglichkeiten im interaktiven geschlechtlichen Handeln, d.h. zwischen den Geschlechtern und innerhalb des eigenen Geschlechts zu erhalten.
Schlussendlich ist die Arbeit von respect beides: transkulturell und geschlechtsbezogen.
Methodenvielfalt
Pädagogische Methoden gelten als der Schlüssel zum Erfolg pädagogischer Arbeit. Das Team von respect besitzt ein hohes Repertoire an verschiedenen Methoden der außerschulischen Bildungsarbeit. Die Methoden sind aber nicht Mittel zum Zweck, sondern beinhalten kein konkretes Ziel oder konkreten Lerninhalt. Die Erfahrung lehrt uns, dass erst die eigene pädagogische Haltung, das eigene Selbstverständnis und die Interaktion mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern die Grundlage für einen gelungen emanzipatorischen Lernprozess ist.
Die Teamerinnen und Teamer bieten den Jugendlichen einen konstanten Rahmen, in denen ein faires Miteinander und eine allgemeine Sicherheit die Basis ist. Das alleinige kognitive Lernen, wie es im schulischen Lernen üblich ist, wird dabei zugunsten eines Lernens aufgegeben, das verschiedene Persönlichkeitsebenen (Körper, Gefühl und Intellekt) anspricht.Die Methodenvielfalt und die Haltung der Pädagoginnen und Pädagogen sind hierbei als Duett der Schlüssel zum produktiven Auseinandersetzungsprozess der Jugendlichen.
Konkret heißt Methodenvielfalt beispielsweise: Diskussionsrunden, Standbildarbeit, Körperarbeit, Arbeit mit der eigenen Stimme, Forum Theater, Entspannungsübungen, Fotoshooting, Konzentrationsübungen und Warming Ups.
Fokus: Fotoarbeit
In der Fotoarbeit ging es um die Inszenierung der eigenen Haltung zu verschiedenen Themen wie Stadtteil, Rassimus und Gewalt. Im pädagogischen Verständnis ging es um vieles, was mit dem Thema „Persönlichkeitsentwicklung“ umschrieben wird: Selbstverständnis darstellen, Positionen entwickeln, Mut zeigen (sich künstlerisch darzustellen), Rollenspiel mit den eigenen Identitäten, demokratisches Verständnis im Sinne von Partizipation (Meinung äußern!), Sichtbarkeit der eigenen Position (auf den Fotos und in der Installation am Abschlusstag). Präsent sein und gesehen werden. Dies waren die selbstbewusstseinsstärkenden Faktoren, die gleichzeitig Inhalt der Fotoarbeit waren.
Die Ergebnisse sind Bilder, die direkte Einblicke in das Alltagsleben der Jugendlichen erlauben. Typische, einzigartige, verspielte, in sich ruhende Charaktere sind auf den insgesamt über 400 entstandenen Fotographien zu sehen. Die Fotoarbeit kann in dieser Seminararbeit als ein erlebnispädagogisches Element betrachtet werden. Es wird mit ihr ermöglicht, jede/n einzelne/n Jugendliche/n per Bild auftauschen zu lassen, sein/ihr Auftritt wird ermöglicht.
Ferner konnte mit der Fotoarbeit die Eigen- und Fremdwahrnehmung geprüft werden. In der Kleingrupenarbeit waren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aufgefordert, die von ihnen ausgewählten Fragen, wie beispielsweise „Was hältst du von Gewalt?“ mit ihrem Körper zu beantworten. Die anderen in der Kleingruppe hatten die Aufgabe, die dargestellte Antwort konstruktiv zu kommentieren. Hieraus entstanden intenvise Darstellungsweisen.
Wichtig in der Fotoarbeit ist es, sie so einzusetzen, dass es für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein Erfolg wird. Dies setzt gutes Equipment voraus, eine gute Anleitung und das Ermutigen der Jugendlichen, für die Fotographie auch mit Scham besetzt sein kann. Die hier vorgenommene Portrait-Fotographie fand in einem eigens aufgebauten mobilen Fotoatelier statt, in der sich die Jugendlichen vor weißem Hintergrund und in einem mit Scheinwerfern ausgeleuchteten Raum inszenierten. Das professionelle Setting trug zur verdichteten Atmosphäre beim Fotoshooting bei und vermittelte den Jugendlichen eine Ernsthaftigkeit und ein Interesse an ihrer Darstellungsweise.
Exemplarischer Ablaufplan der 3 Projekttage
Der Ablauf eines Seminars war aufgrund der Prozessorientierung immer etwas anders gestaltet. Prozessorientierung bedeutet, dass das Team eine Zielvorgabe für sich formuliert hat, aber keine konkreten Seminarablauf für die drei Projekttage hat. Es sind zwar bestimmte Rahmenbedingungen und Programminhalte vorgeplant, aber sie werden in jeder Situation darauf hin überprüft, ob sie noch angemessen sind. Im Prinzip gilt für uns: Störungen haben Vorrang. Das bedeutet, wenn es in der Gruppe oder in der gesamten Klasse eine Störung gibt, die nicht Teil unseres Themas ist, greifen wir sie trotzdem auf, um nach der Klärung wieder an unserem Thema arbeiten zu können. Oftmals werden die Störungen auch den Seminarprozess anstoßen, da die Jugendlichen sich in dem neuen Raum neu bewegen und sich neu begegnen können. Der expemplarische Ablaufplan umfaßt drei Schritte: 1. Einstieg in das Thema und Kennenlernen, 2. Theaterpädagogisches Spielen, um die Auseinandersetzungen und das Vertrauen untereinander in den jeweiligen Mädchen- und Jungengruppen zu verstärken und 3. Die theaterpädagogische Vertiefung sowie das Fotoshooting im mobilen Fotolabor.
Erster Tag: Einstieg
Herzliches Willkommen, Erklären des Jugendfreizeitheims,
Kennenlernen und Namensspiele
Einstieg in das Thema Rassismus und Gewalt mit Brainstorming
Thesenbarometer
Input zum Thema Rassismus
Kleingruppenarbeit mit der Frage: Kennt ihr Situationen in denen Personen ausgegrenzt wurde, bzw. in denen ihnen Rassismus widerfahren ist? Welche Rolle spielt dabei Gewalt?
Präsentation der Ergebnisse in der Mädchen- bzw. Jungengruppe.
Feedback Runde
Zweiter Tag: Theaterpädagogisches Spielen
Einstiegsrunde: Wie geht es mir heute? Was hat mich von gestern noch beschäftigt?
Diverse Theaterpädagogische Warming Ups, z.B. Gesichtsmasken weitergeben
Forum Theater zu eigenen erlebten Situationen, Arbeit in Kleingruppen
Reflexion der Übung in Kleingruppen
Diskussion im Plenum
Feedback Runde
Dritter Tag: Theaterpädagogische Vertiefung und Fotoshooting
Einstiegsrunde: Wie geht es mir heute? Was erwarte ich vom Tag?
Input: Fotoshooting, was ist das wichtig?
Kleingruppenarbeit: Entwicklung von Fragen zu den Themenkomplexen: Stadtteil, Gewalt, Rassismus, Schule, Gefühle, Sonstiges
Vorstellung der gesammelten Fragen im Plenum
Standbildarbeit zum Beantworten der Fragen im Standbild
Auswahl der eigenen Fragen für das Fotoshooting
Inszenierungsübungen für das Fotoshooing: Wie drücke ich ja, nein, vielleicht, oder eine ganz andere Antwort mit meiner Mimik und Körperhaltung aus?
Fotoshooting- alleine oder zu zweit im Nebenraum-
parallel dazu: Vertiefung des eigenen Ausdrucks
Diskussion im Plenum: wie war das?
Feedback Runde und Tschüß sagen bis zum Abschlusstag!
2007 fanden Seminare mit folgenden Schulklassen statt:
Seminar 1: 5.-7.11.
Schulzentrum Im Ellener Feld Osterholz/Tenever, 9. Klasse
Team: Soufiane Akka, Rolf Tiemann, Hatice Krischer und Maren Hauck
Ort: Jugendfreizeitheim Tenever
Seminar 2: 26.-28.11
Schulzentrum In den Sandwehen, 9. Klasse
Team: Erkan Altun, Daniel Tscholl, Hatice Krischer, Ines Pohlkamp
Ort: Jugendfreizeitzentrum Burglesum
Seminar 3: 10.-12. Dez.
Schulzentrum Pestalozzistrasse, 9. Klasse
Team: Songül Orucoglu, Ines Pohlkamp, Daniel Tscholl, Soufiane Akka
Ort: Jugendfreizeitzentrum Burglesum
Abschlusstag 18. Dezember
Team: Daniel Tscholl, Songül Orucoglu, Erkan Altun, Soufiane Akka, Ines Pohlkamp
Ort: Jugendfreizeitheim Burglesum
Schlussfolgerungen aus der Projektarbeit 2007 aus der Sicht des respect-Teams:
Nach einem dreiviertel Jahr intensiver Zusammenarbeit ergeben sich mehreren Schlussfolgerungen aus der Projektarbeit 2007:
1. Politische Bildung mit benachteiligten Jugendlichen außerhalb und in Kooperation mit Schule sollte ein wesentlicher Bestandteil des schulischen Alltag sein. Die Auseinandersetzungen um wichtige Fragen wie Gewalt, Rassismus, mein Stadtteil (wie lebe ich hier, wie gefällt es mir?, möchte ich etwas verändern?) können im Rahmen des ganzheitlichen Lernens, vertieft werden.
2. Die Idee der Darstellung von Positionen in Fotos sollte von anderen Projekten übernommen werden. Die Förderung von Inszenierungen und das sich Präsentieren mit benachteiligten Jugendlichen schafft Vertrauen, Spaß und Mut.
3. Das Modellprojekt kann aus finanziellen Gründen nicht nachhaltig verankert werden.
Ausführende Pädagoginnen und Pädagogen waren das Team von >>respect<< im Bremer JungenBüro.
Kontakt:
www.bremer-jungenbuero.de